Worum geht es in diesem Artikel?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du funktionierst, du bekommst deinen Alltag hin und trotzdem fühlt sich der Kontakt zu dir selbst manchmal wie abgeschnitten an.
Vielleicht merkst du erst viel zu spät, dass du hungrig bist, eine Pause gebraucht hättest oder wieder „Ja“ gesagt hast, obwohl du „Nein“ meintest.
Viele Menschen glauben dann, sie könnten sich selbst nicht gut spüren.
Doch meine Erfahrung zeigt etwas anderes.
In diesem Artikel zeige ich dir, warum du nicht schlecht im Spüren bist, sondern warum dein Nervensystem gute Gründe hatte, den Kontakt zu dir selbst in den Hintergrund zu stellen.
Wir kommen mit der Fähigkeit zu spüren auf die Welt.
Unser erstes Erleben als kleine Wesen ist zutiefst körperlich.
Lange bevor wir Worte haben, erleben wir die Welt über unseren Körper. Wir reagieren als Säugling und Baby sofort auf unser inneres Erleben: auf Hunger, auf Müdigkeit, auf Stress.
Nerdy Fact: tatsächlich entstehen in der Entwicklung des Embryos die Zellen, die für die Selbstwahrnehmung zuständig sind, vor den Zellen, die für die Außenwahrnehmung zuständig sind (wie die Sinne).
Das Spüren ist also nicht etwas, das wir erst lernen müssen. Es ist von Anfang an da.
Vielmehr lernen wir im Laufe unseres Lebens, dieses innere Erleben zu übergehen.
Aber warum übergehen wir im Laufe unseres Lebens immer mehr unseren Körper?
Doch wenn das Spüren von Anfang an in dir angelegt ist, warum funktionierst du dann doch immer wieder weiter, obwohl du eigentlich müde bist? Warum trinkst du nichts, obwohl du eigentlich seit einer Stunde bereits Durst hast?
Warum fühlst du dich häufig abgeschnitten von deinen Gefühlen und Bedürfnissen?
Warum hast du das Gefühl, du müsstest das Spüren wieder lernen?
Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Und meiner Erfahrung nach wirken hier drei verschiedene Mechanismen zusammen:
- Wir lernen, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
- Stress reduziert den Zugang zu unserer Innenwelt.
Unser Nervensystem lernt, dass Fühlen nicht sicher ist.
Mechanismus 1: Wir lernen, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen:
Ein Grund, warum wir den Zugang zu uns selbst verlieren, ist, dass unser Überleben als kleines Wesen abhängig ist von unseren Eltern. Und unser Nervensystem weiß das ganz genau! Deshalb wird die Bindung zu unseren Eltern wichtiger als die Verbindung zu uns selbst. Denn den Kontakt und die Bindung zu unseren Eltern zu verlieren, könnte den Tod bedeuten.
Deshalb priorisieren wir als Kinder unbewusst unsere Bindung zu unseren Eltern und hören eher auf die Botschaften unserer Eltern, als auf unsere eigene Wahrheit. Zum Beispiel:
- Wir übernehmen die Botschaft unserer Eltern: Wenn unsere Eltern sagen „Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „du musst nicht traurig sein“, haben wir das Gefühl, dass unsere Gefühle von Schmerz oder Traurigkeit nicht richtig sind. Bei uns kommt die Botschaft an: „Ich bin falsch“. Um wieder „richtig zu sein“ drücken wir unsere Empfindungen weg.
- Wir imitieren unsere Eltern: Kleine Kinder lernen nicht in erster Linie durch die Worte ihrer Eltern, sondern durch das Verhalten, das sie täglich beobachten. Wenn wir als Kinder beobachten, dass unsere Eltern Tränen wegdrücken oder sich Wut nicht erlauben, dann lernen wir: Tränen und Wut sind unerwünscht. Wir imitieren unsere Eltern und unterdrücken selbst die unerwünschten Empfindungen.
- Du willst mit deinen Gefühlen & Bedürfnissen nicht zur Last fallen: Wenn du in einem Umfeld groß wirst, wo du das Gefühl hast, dass deine Eltern überfordert sind, dann fühlt es sich nicht sicher an, deinen Eltern zu erzählen, dass du gemobbt wirst oder traurig bist. Du willst deinen Eltern nicht zur Last fallen. Und somit verdrängst du, was eigentlich in dir los ist und bist stark.
Du lernst, dass Funktionieren wichtiger ist als Fühlen: Immer wieder erlebst du, dass du gelobt wirst, wenn du still sitzen bleibst oder gute Noten hast. Und somit lernst du, wie wichtig es ist, in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Und um in dieser Gesellschaft besser funktionieren zu können, nimmst du deine Körperempfindungen weniger wahr, denn sie würden diesem Funktionieren im Wege stehen.
Dieses permanente Unterdrücken und „sich im Griff haben“ erzeugt Stress im Körper (der sich oft auch muskulär über Verspannungen oder Zähneknirschen ausdrückt).
Und hier spielt der 2. Mechanismus eine wesentliche und ergänzende Rolle.
Mechanismus 2: Stress reduziert den Zugang zu unserer Innenwelt:
Stress ist heutzutage Statussymbol Nr. 1. Und gefühlt wird die Geschwindigkeit des Hamsterrads jedes Jahr um einige Prozent erhöht.
Vielleicht spürst du, dass das irgendwie schräg ist und wünscht dir aus dem Hamsterrad auszusteigen, endlich mal zu entspannen und gleichzeitig weißt du nicht so recht wie.
Und somit ist viel Stress, Aktivierung und innere Unruhe in dir. Einerseits aus deinem Alltag, aber auch die Altlasten aus Mechanismus 1 spielen eine Rolle. Denn all diese Gefühle und Empfindungen über viele viele Jahre (meist unbewusst) wegzudrücken, ist anstrengend für unsere Muskeln und unseren Körper und verursacht zusätzlichen Stress.
Und dieser Stress führt dann zu einem Teufelskreis: denn Stress bewirkt zusätzlich auf physiologischer Ebene, dass du dich schlechter spürst:
Denn mit Stress geht normalerweise auch die Aktivierung unseres Sympathikus im Nervensystem einher. Und wenn der Sympathikus im Körper aktiviert ist, bereitet der Körper sich auf Kampf, Flucht oder erhöhte Leistungsbereitschaft vor und wir spüren uns selbst weniger, weil
- das Gehirn seine Prioritäten verschiebt und die Außenwahrnehmung vor der Innenwahrnehmung priorisiert, um die Gefahrenquelle im Blick halten zu können.
Gleichzeitig werden Adrenalin, als auch körpereigene Opioide (Endorphine) ausgeschüttet und auch diese bewirken, dass unser Schmerzempfinden und somit auch unsere Selbstwahrnehmung gedämpft ist.
Das ist ein sehr cleverer Schachzug deines Nervensystems.
Denn ja: wenn du in einem tatsächlichen Kampf von einem Gegner verletzt wirst, wäre es doch gut, wenn du dich nicht mehr so gut spürst, damit du von deinen Schmerzen nicht überwältigt wirst, sondern weiter um dein Leben kämpfen oder auch flüchten kannst.
Und der Körper unterscheidet hier nicht, ob es sich um eine physische Gefahr handelt (wie ein tatsächlicher körperlicher Angriff) oder um modernen Stress unserer Zeit (wie z.B. die zerfahrene „Täglich-grüßt-das-Murmeltier“-Diskussion im Meeting oder der Stress deiner langen To-Do-Liste)
Mechanismus 3: Unser Nervensystem lernt, dass Fühlen nicht sicher ist.
Mit der Zeit passiert noch etwas anderes:
Unser Nervensystem lernt nicht nur, bestimmte Gefühle zu unterdrücken. Es beginnt auch zu glauben, dass die Gefühle selbst gefährlich sind.
Vielleicht hast du als Kind die Erfahrung gemacht, dass niemand da war, der dir geholfen hat, mit starken Gefühlen umzugehen. Vielleicht war für deine Traurigkeit kein Raum. Vielleicht wurde deine Wut bestraft. Oder du hast erlebt, wie überfordernd die Gefühle anderer Menschen sein konnten.
Dann lernt dein Nervensystem etwas sehr Logisches:
- Diese Gefühle sind zu viel.
Ich darf sie lieber nicht zulassen.
Irgendwann hast du dann nicht mehr nur Angst vor einer schwierigen Situation. Du hast Angst vor dem Gefühl, das die Situation in dir auslösen könnte:
- Du fürchtest, dass die Tränen nie wieder aufhören.
- Dass die Wut dich überwältigt.
- Dass die Angst oder die Panikattacke die Kontrolle übernimmt.
Dass du mit deinen Gefühlen für andere Menschen zu viel sein könntest.
Und so wird das Nicht-Spüren selbst zu einer unbewussten Schutzstrategie, weil dein Nervensystem gelernt hat, dass es sicherer ist, die Gefühle auf Abstand zu halten.
Nicht-Spüren ist also eine sehr cleverer Schachzug deines Nervensystems und dient deinem Selbstschutz
Kann ich denn überhaupt wieder Lernen zu spüren?
Ja! Unbedingt. Du kannst wieder Lernen gut im Kontakt mit dir zu sein.
Und ganz wichtig: Vielleicht spürst du heute auch schon wesentlich mehr, als du denkst.
Vielleicht hast du nur sehr lange gelernt, über Müdigkeit, Anspannung, Traurigkeit oder andere Gefühle und Bedürfnisse hinwegzugehen.
Bevor ich dir erkläre, wie du diese Gefühle und Bedürfnisse wieder bewusster spüren und wahrnehmen kannst, ist ein Zwischenschritt wichtig:
Zwischenschritt: Selbst-Empathie
So oft begegnen wir unseren Schutzstrategien mit Selbstkritik und denken:
„Irgendetwas stimmt mit mir nicht.“
Der innere Kritiker übernimmt das Ruder und will das Problem möglichst schnell lösen.
Hier besteht jedoch eine Gefahr:
Wenn wir sofort in die Lösung springen („Ich muss wieder lernen zu fühlen!“), gehen wir oft schon wieder über uns hinweg.
Dabei ist genau das der Mechanismus, den wir eigentlich verstehen möchten.
Daher mag ich dich an etwas erinnern: Mit dir ist gar nichts falsch.
Dass du gelernt hast, dich selbst nicht mehr so gut zu spüren und wahrzunehmen, hatte gute Gründe.
Um diesen Gründen ein wenig näherzukommen, lade ich dich ein, bei folgender Frage zu verweilen:
Wozu ist/war es gut, deine Gefühle und Bedürfnisse nicht zu spüren? (du kannst diese Frage gerne als vertiefende Journaling-Frage nutzen)
Und um näher zu verstehen, was dich dieses Verhalten im Leben kostet, kannst du anschließend noch eine zweite Frage stellen:
Was kostet es dich im Alltag, deine Gefühle und Bedürfnisse nicht zu spüren?
Vielleicht merkst du dabei, dass diese Schutzstrategie dich einmal getragen hat, aber auch ihren Preis hat.
Und dann kann im nächsten Schritt dein Nervensystem lernen, dass Fühlen sicher ist
So wie du gelernt hast in deiner Kindheit, dass es nicht sicher ist, deine Gefühle zu spüren und wahrzunehmen, kannst du gleichzeitig heute wieder lernen, dass Fühlen sicher ist!
Und dein Nervensystem lernt insbesondere über neue Erfahrungen. Es geht also darum, dass du neue Erfahrungen machst. Und die können ganz unterschiedlich aussehen. Da kannst du gerne selbst kreativ werden. Hier ein paar Ideen:
Nimm dir regelmäßig Momente, in denen du bewusst dich und deinen Körper wahrnimmst. Das muss nicht lange sein. Fang gerne mit 10 – 30 Sekunden an. Es gilt: lieber öfter und kürzer als seltener und länger. Es kann hilfreich sein, Erinnerungsanker in den Alltag einzubauen: z.B. einen Reminder auf dem Handy oder Zettel in deiner Wohnung oder du nutzt die Zeit, wenn du irgendwo warten musst, um den Fokus mehr auf deine Innenwelt zu legen (vor der roten Ampel, an der Supermarktkasse etc.)
Check regelmäßig in deine Grundbedürfnisse ein (Habe ich Durst? Hunger? Muss ich zur Toilette? Ist es Zeit, mal wieder frische Luft reinzulassen? Bin ich müde?). Hör auf deine kleinen Bedürfnisse im Alltag, statt sie zu verdrängen.
Finde Orte oder Menschen, an denen es sich für dich sicher anfühlt, deine Gefühle auszudrücken. Bei mir ist z.B. das bewusste Tanzen ein wesentlicher Anker. Aber es können auch Tiere oder Menschen sein, denen du vertraust und erzählst, was du gerade fühlst. Und übrigens: man hat herausgefunden: je differenzierter wir über unsere Gefühle sprechen können, desto differenzierter können wir sie auch wahrnehmen.
Mach dir Musik an, die dir hilft, im Kontakt mit dir zu sein.
Mach Sport (und da kannst du einfach das machen, was du schon immer gerne machst! Tanzen, Joggen, Schwimmen, Yoga, Boxen, Rudern, Tennis, Teamsport…) und nimm dir nach dem Sport noch ein paar Minuten Zeit, um deinen Körper bewusst zu spüren. Denn gerade nach dem Sport, wenn wir den Alltagsstress ein bisschen losgelassen haben, fällt uns das bewusste Spüren oftmals leichter.
Geh raus in die Natur, in den Wald und hör den Vögeln beim Singen zu oder beobachte ein Eichhörnchen, dass dir im Wald begegnet. Sei ganz neugierig und entdecke den Wald ganz neu, als wärest du noch nie im Wald gewesen. Und dann setz dich auf einen Baumstumpf oder eine Bank, schließ deine Augen und nimm wahr, was du in dir spüren und wahrnehmen kannst.
Erlaube dir ausreichend zu Schlafen. Denn ausreichend Schlaf ist immernoch das wichtigste für unser Nervensystem und somit auch für unsere Fähigkeit uns selbst gut wahrzunehmen
Was aber, wenn du dich schwer tust, diese Tipps umzusetzen?
Vielleicht sagst du jetzt: „Theresa, deine Tipps sind alle toll und ich wüsste eigentlich auch was mir gut tut! Ich maches es nur nie!“.
„I feel you!“
Denn mir ging es selbst lange so!
Und gleichzeitig möchte ich dir sagen: wenn du es nicht schaffst, dir Pausen zum Spüren und Wahrnehmen zu nehmen, dann ist am Ende auch das eine Schutzstrategie deines Nervensystems.
Für dein System fühlt sich eine Pause gerade nicht sicher genug an. Vielleicht magst du zurück zu der obigen Journaling-Übung gehen und die Frage etwas abwendeln:
„Wozu ist/war es gut, mir keine Pause zu erlauben?“
So kannst du deine Schutzstrategien und deren Ursachen besser verstehen.
Und gleichzeitig habe ich noch einen Tipp für dich, wenn dir das passiert:
Anstatt dir selbst zu sagen: „Ich mache jetzt 10 Minuten Pause“, frag dein Nervensystem:
„Wie lange dürfte eine Pause jetzt sein, so dass sie sich sicher anfühlt?“.
Und vielleicht sagt dein Körper: 30 Sekunden. Wunderbar! Dann nimm dir jetzt 30 Sekunden.
Vielleicht sagt dein Körper am nächsten Tag: 10 Minuten. Wunderbar! Dann erlaub dir heute 10 Minuten.
Vielleicht ist dein Stresspegel am nächsten Tag besonders hoch und die Antwort aus deinem Nervensystem ist 10 Sekunden. Wunderbar! Dann nimm dir 10 Sekunden.
Und versuche dich nicht dafür zu bewerten, dass es heute „nur“ 10 Sekunden sind, sondern eher liebevoll mit dir zu sein, dass heute wohl besonders viel Anspannung und Unsicherheit in dir ist.
Und denk immer dran: „Das was du jetzt gerade spürst, ist immer eine Momentaufnahme“ und morgen kann es schon wieder ganz anders sein. Es geht also nicht darum, dass deine Pause von Tag zu Tag immer länger wird, sondern auch da im spürenden Kontakt mit dir zu sein.
Und dann lass uns direkt gemeinsam loslegen:
Zum Abschluss dieses Artikels kannst du für einen kurzen Moment spüren: was kriegst du gerade von dir mit?
- Kannst du deine Atmung spüren? Wenn ja, wo?
- Ist dir gerade kalt oder heiß oder wohlig warm?
- Kannst du deinen Herzschlag wahrnehmen?
- Welche Muskeln kannst du spüren?
- Welche Gefühle sind da?
- Wie ist gerade deine Stimmung?
- Gibt es irgendein Grundbedürfnis, das genährt werden möchte (Durst, Hunger, Toilette, Sauerstoff, Wärme, Schlaf)?
Spürst du irgendeinen Impuls in deinem Körper (z.B. Bewegungsimpulse?, Dehnen und Strecken?)
Und spür zum Abschluss auch gerne: was verändert sich in dir, wenn du dir Zeit zum Spüren nimmst? Wirst du ruhiger und entspannter? Oder vielleicht aktivierter, weil ein Widerstand entsteht? Vielleicht mit dieser Übung? Oder mit dem was du in dir spüren kannst?
Was auch immer du in dir spüren kannst, versuch es so gut es geht, zu erlauben und dasein zu lassen und es als Hinweis über dich und dein Nervensystem zu nehmen. So wirst du Stück für Stück dich und dein Nervensystem besser verstehen können und vielleicht auch liebevoller mit dir sein.
Den Kontakt zu dir weiter vertiefen
Wenn du beim Lesen dieses Artikels gemerkt hast, dass du den Kontakt zu dir selbst stärken möchtest, dann musst du diesen Weg nicht alleine gehen.
In meinem Online-Kurs „Verbunden mit dir – lerne die Sprache deines Nervensystems“ begleite ich dich dabei, deine Selbstwahrnehmung zu vertiefen, die Signale deines Nervensystems besser zu verstehen und wieder mehr in Verbindung mit dir selbst zu kommen.
Ein Buchtipp zum Schluss
Wenn du tiefer in die Frage eintauchen möchtest, warum viele Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren, empfehle ich dir das Buch Embodiment. Besonders das Kapitel von Gerald Hüther hat mein Verständnis von diesem Thema vertieft.
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