Du bist nicht schlecht im Spüren — du hast nur sehr lange gelernt, dich selbst zu übergehen

Worum geht es in diesem Artikel?

Du bist als Kind hingefallen und hörest von deinen Eltern nur: "Du musst nicht weinen" oder "Indianer kennt kein Schmerz". Und langsam lernt dein System: Mit meinen Gefühlen stimmt etwas nicht. Also nehme ich sie lieber nicht wahr. Das heißt aber nicht, dass du dich nicht spüren könntest!

Wir kommen nicht als Wesen auf die Welt, die sich selbst nicht spüren können

Im Gegenteil: Unser erstes Erleben ist zutiefst körperlich.
Lange bevor wir Worte haben, erleben wir die Welt über unseren Körper. Wir reagieren als Säugling und Baby sofort auf unser inneres Erleben: auf Hunger, auf Müdigkeit, auf Stress.

Nerdy Fact: tatsächlich entstehen in der Entwicklung des Embryos die Zellen, die für die Selbstwahrnehmung zuständig sind, vor den Zellen, die für die Außenwahrnehmung zuständig sind (z.B. Sinne).

Das Spüren ist also nicht etwas, das wir erst lernen müssen. Es ist von Anfang an da.
Vielmehr lernen wir im Laufe unseres Lebens, dieses innere Erleben zu übergehen.

Aber warum übergehen wir im Laufe unseres Lebens immer mehr unseren Körper?

Doch wenn das Spüren von Anfang an in dir angelegt ist, warum funktionierst du dann doch immer wieder weiter, obwohl du eigentlich müde bist? Warum fühlst du dich häufig abgeschnitten von deinen Gefühlen und Bedürfnissen?
Warum hast du das Gefühl, du müsstest das Spüren wieder lernen?

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Und meiner Erfahrung nach wirken hier drei verschiedene Mechanismen zusammen:

  1. Wir lernen, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
  2. Stress reduziert den Zugang zu unserer Innenwelt.
  3. Unser Nervensystem lernt, dass Fühlen nicht sicher ist.

Mechanismus 1: Wir lernen, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen:

Ein Grund, warum wir den Zugang zu uns selbst verlieren, ist, dass unser Überleben als kleines Wesen abhängig ist von unseren Eltern. Und unser Nervensystem weiß das ganz genau! Deshalb wird die Bindung zu unseren Eltern wichtiger als die Verbindung zu uns selbst. Denn den Kontakt und die Bindung zu unseren Eltern zu verlieren, könnte den Tod bedeuten.

Deshalb priorisieren wir als Kinder unbewusst unsere Bindung zu unseren Eltern und hören eher auf die Botschaften unserer Eltern, als auf unsere eigene Wahrheit. Zum Beispiel:

  • Wir übernehmen die Botschaft unserer Eltern: Wenn unsere Eltern sagen „Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „du musst nicht traurig sein“, haben wir das Gefühl, dass unsere Gefühle von Schmerz oder Traurigkeit nicht richtig sind. Bei uns kommt die Botschaft an: „Ich bin falsch“. Um wieder „richtig zu sein“ drücken wir unsere Empfindungen weg.
  • Wir imitieren unsere Eltern: Kleine Kinder lernen nicht in erster Linie durch die Worte ihrer Eltern, sondern durch das Verhalten, das sie täglich beobachten. Wenn wir als Kinder beobachten, dass unsere Eltern Tränen wegdrücken oder sich Wut nicht erlauben, dann lernen wir: Tränen und Wut sind unerwünscht. Wir imitieren unsere Eltern und unterdrücken selbst die unerwünschten Empfindungen.
  • Du willst mit deinen Gefühlen & Bedürfnissen nicht zur Last fallen: Wenn du in einem Umfeld groß wirst, wo du das Gefühl hast, dass deine Eltern überfordert sind, dann fühlt es sich nicht sicher an, deinen Eltern zu erzählen, dass du gemobbt wirst oder traurig bist. Du willst deinen Eltern nicht zur Last fallen. Und somit verdrängst du, was eigentlich in dir los ist und bist stark.
  • Du lernst, dass Funktionieren wichtiger ist als Fühlen: Immer wieder erlebst du, dass du gelobt wirst, wenn du still sitzen bleibst oder gute Noten hast. Und somit lernst du, wie wichtig es ist, in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Und um in dieser Gesellschaft besser funktionieren zu können, nimmst du deine Körperempfindungen weniger wahr, denn sie würden diesem Funktionieren im Wege stehen.

Dieses permanente Unterdrücken und „sich im Griff haben“ erzeugt Stress im Körper (der sich oft auch muskulär über Verspannungen oder Zähneknirschen ausdrückt).

Und hier spielt der 2. Mechanismus eine wesentliche und ergänzende Rolle.

Mechanismus 2: Stress reduziert den Zugang zu unserer Innenwelt:

Stress bewirkt auf physiologischer Ebene, dass du dich schlechter spürst:
Wenn der Sympathikus im Körper aktiviert ist, bereitet der Körper sich auf Kampf, Flucht oder erhöhte Leistungsbereitschaft vor. Das Gehirn verschiebt seine Prioritäten und priorisiert die Außenwahrnehmung vor der Innenwahrnehmung, um die Gefahrenquelle im Blick halten zu können. Sowohl Adrenalin, als auch körpereigene Opioide (Endorphine) bewirken, dass unser Schmerzempfinden und somit auch unsere Selbstwahrnehmung gedämpft ist.

Das ist ein sehr cleverer Schachzug deines Nervensystems.
Denn ja: wenn du von einem Gegner verletzt wirst, wäre es doch gut, wenn du dich nicht mehr so gut spürst, damit du von deinen Schmerzen nicht abgelenkt wirst, sondern weiter um dein Leben kämpfen kannst.

Und der Körper unterscheidet hier nicht, ob es sich um eine physische Gefahr handelt (wie der Angriff eines Säbelzahntigers) oder den modernen Stress unserer Zeit (wie z.B. die Diskussion im Meeting oder der Stress einer langen To-Do-Liste)

Mechanismus 3: Unser Nervensystem lernt, dass Fühlen nicht sicher ist.

Mit der Zeit passiert noch etwas anderes:

Unser Nervensystem lernt nicht nur, bestimmte Gefühle zu unterdrücken. Es beginnt auch zu glauben, dass die Gefühle selbst gefährlich sind.

Vielleicht hast du als Kind die Erfahrung gemacht, dass niemand da war, der dir geholfen hat, mit starken Gefühlen umzugehen. Vielleicht war für deine Traurigkeit kein Raum. Vielleicht wurde deine Wut bestraft. Oder du hast erlebt, wie überfordernd die Gefühle anderer Menschen sein konnten.

Dann lernt dein Nervensystem etwas sehr Logisches:

  • Diese Gefühle sind zu viel.
  • Ich darf sie lieber nicht zulassen.

Irgendwann hast du dann nicht mehr nur Angst vor einer schwierigen Situation. Du hast Angst vor dem Gefühl, das die Situation in dir auslösen könnte:

  • Du fürchtest, dass die Tränen nie wieder aufhören.
  • Dass die Wut dich überwältigt.
  • Dass die Angst die Kontrolle übernimmt.

Und so wird das Nicht-Spüren selbst zu einer unbewussten Schutzstrategie, weil dein Nervensystem gelernt hat, dass es sicherer ist, die Gefühle auf Abstand zu halten.

Nicht-Spüren ist also eine sehr cleverer Schachzug deines Nervensystems und dient deinem Selbstschutz

Kann ich denn überhaupt wieder Lernen zu spüren?

Ja! Unbedingt. Du kannst wieder Lernen gut im Kontakt mit dir zu sein.

Und ganz wichtig: Vielleicht spürst du heute auch schon wesentlich mehr, als du denkst.
Vielleicht hast du nur sehr lange gelernt, über Müdigkeit, Anspannung, Traurigkeit oder Bedürfnisse hinwegzugehen.

Bevor ich dir erkläre, wie du diese Gefühle und Bedürfnisse wieder bewusster spüren und wahrnehmen kannst, ist ein Zwischenschritt wichtig:

Schritt 1: Selbst-Empathie
So oft begegnen wir unseren Schutzstrategien mit Selbstkritik und denken:
„Irgendetwas stimmt mit mir nicht.“
Der innere Kritiker übernimmt das Ruder und will das Problem möglichst schnell lösen.

Hier besteht jedoch eine Gefahr:
Wenn wir sofort in die Lösung springen („Ich muss wieder lernen zu fühlen!“), gehen wir oft schon wieder über uns hinweg.

Dabei ist genau das der Mechanismus, den wir eigentlich verstehen möchten.

Daher mag ich dich an etwas erinnern: Mit dir ist gar nichts falsch.

Dass du gelernt hast, dich selbst nicht mehr so gut zu spüren und wahrzunehmen, hatte gute Gründe.

Um diesen Gründen ein wenig näherzukommen, lade ich dich ein, bei folgender Frage zu verweilen:

  • Wozu ist/war es gut, deine Gefühle und Bedürfnisse nicht zu spüren? (du kannst diese Frage gerne als vertiefende Journaling-Frage nutzen)

Und dann kann im nächsten Schritt dein Nervensystem lernen, dass Fühlen sicher ist

So wie du gelernt hast in deiner Kindheit, dass es nicht sicher ist, deine Gefühle zu spüren und wahrzunehmen, kannst du gleichzeitig heute wieder lernen, dass Fühlen sicher ist!
Und dein Nervensystem lernt insbesondere über neue Erfahrungen. Es geht also darum, dass du neue Erfahrungen machst. Und die können ganz unterschiedlich aussehen – da kannst du auch gerne selbst kreativ werden. Hier ein paar Ideen:

  • Nimm dir regelmäßig Momente, in denen du bewusst dich und deinen Körper wahrnimmst. Das muss nicht lange sein. Fang gerne mit 10-30 Sekunden an. Es gilt: lieber öfter und kürzer als seltener und länger. Es kann hilfreich sein, Erinnerungsanker in den Alltag einzubauen: z.B. einen Reminder auf dem Handy oder Zettel in deiner Wohnung oder immer wenn du irgendwo warten musst (vor der roten Ampel, an der Supermarktkasse etc.)

  • Check regelmäßig in deine Grundbedürfnisse ein (Habe ich Durst? Hunger? Muss ich zur Toilette? Ist es Zeit, mal wieder frische Luft reinzulassen? Bin ich müde?). Hör auf deine kleinen Bedürfnisse im Alltag, statt sie zu verdrängen.

  • Finde Orte oder Menschen, an denen es sich für dich sicher anfühlt, deine Gefühle auszudrücken. Bei mir ist es z.B. das bewusste Tanzen so ein wichtiger Anker gewesen. Aber es können auch Tiere oder Menschen sein, denen du vertraust und erzählst, was du gerade fühlst. Und übrigens: man hat herausgefunden: je differenzierter wir über unsere Gefühle sprechen können, desto differenzierter können wir sie auch wahrnehmen.
  • Mach dir Musik an, die dir hilft, im Kontakt mit dir zu sein.

Oftmals kann das auch bedeuten, ein wenig aus der Komfortzone zu gehen, weil eine neue Erfahrung und ein neues Verhalten sich für unser Nervensystem unsicher anfühlen kann. Insbesondere, wenn es darum geht, kleine Pausen im Alltag zu machen, kann es sein, dass dein Verstand reingrätscht und sagt: „Wir haben jetzt keine Zeit für eine Pause!“.

Und ich mag dich auf einen Moment vorbereiten:

  • Denn dieses „Nimm halt einfach deine Gefühle wahr“ klingt immer toll: aber: je gestresster wir sind, umso schwieriger wird es! Weil dein Nervensystem das Fühlen nicht als sicher bewertet. Daher: mach dir – auch wenn es dir mal nicht gelingt, dich selbst wahrzunehmen oder du es im trubeligen Alltag vergisst – bewusst, dass dein Nervensystem wahrscheinlich gerade einen guten Grund dafür hat.

Und jetzt – zum Abschluss dieses Artikels – kannst du ja jetzt mal für einen kurzen Moment spüren: was kriegst du gerade von dir mit?

  • Kannst du deine Atmung spüren? Wenn ja, wo?
  • Ist dir gerade kalt oder heiß oder wohlig warm?
  • Kannst du deinen Herzschlag wahrnehmen?
  • Welche Muskeln kannst du spüren?
  • Welche Gefühle sind da?
  • Wie ist gerade deine Stimmung?
  • Gibt es irgendein Grundbedürfnis, das genährt werden möchte (Durst, Hunger, Toilette, Sauerstoff, Wärme, Schlaf)?
  • Spürst du irgendeinen Impuls in deinem Körper (z.B. Bewegungsimpulse?, Dehnen und Strecken?)

Den Kontakt zu dir weiter vertiefen

Wenn du beim Lesen dieses Artikels gemerkt hast, dass du den Kontakt zu dir selbst stärken möchtest, dann musst du diesen Weg nicht alleine gehen.

In meinem Online-Kurs „Verbunden mit dir – lerne die Sprache deines Nervensystems“ begleite ich dich dabei, deine Selbstwahrnehmung zu vertiefen, die Signale deines Nervensystems besser zu verstehen und wieder mehr in Verbindung mit dir selbst zu kommen.

Ein Buchtipp zum Schluss

Wenn du tiefer in die Frage eintauchen möchtest, warum viele Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren, empfehle ich dir das Buch Embodiment. Besonders das Kapitel von Gerald Hüther hat mein Verständnis von diesem Thema vertieft.

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